Organic Cotton: What´s green?

Bis jetzt ist es kein tolles Jahr für H&M. Nachdem die erste Aufregung über die “zerstörten Kleidungsstücke“, die anstatt gespendet zu werden, weggeworfen wurden, abgeklungen ist, berichtet heute die Financial Times Deutschland im Artikel “Trendgeschäft Biotextilien: Betrug mit angeblicher Biobaumwolle” über den grünen Stoff, der nicht so ganz bio sein soll. 

Indische Textilhersteller haben demnach gentechnisch veränderte Baumwolle an H&M und anderen Ketten (Tchibo, C&A werden genannt) mit grünem Gütesiegel verkauft. Dass dies allerdings nichts neues ist, beweisen Berichte indischer Behörden, die den Skandal bereits im April 2009 aufdeckten. Einen etwas fahlen Beigeschmack, wenn man an die Frühjahrskollektion Garden Collection denkt, die gerade mit diesem Aushängeschild beworben wird.
Im Gegensatz zu Tchibo, die angekündigt (laut orf.at) haben, künftig ihre Waren im Labor zu testen, berufen sich H&M und C&A auf anerkannte Zertifizierungsinstitute, die dafür Sorge (und wohl auch Konsequenzen) tragen sollen. Weitere Aktionen sind nicht geplant, die Auskunft, die “Biobaumwolle” befindet sich eventuell schon im Handel wird noch erteilt.

Abseits von diesen Nachrichten frage ich mich, wie man in gigantischem Ausmaß am Massenmarkt überhaupt biologisch produzieren kann?

“Die weltweite Produktion von Biobaumwolle ist binnen vier Jahren von 20.000 auf 141.000 Tonnen gestiegen. Während der Umsatz mit Biotextilien 2005 noch bei 500 Mio. $ lag, wird er dieses Jahr Schätzungen zufolge 5,3 Mrd. $ erreichen”,

recherchierte die FTD. 3000 Tonnen wurden nach eigenen Firmenangaben 2009 von H&M bezogen.

“Man schaut sein T-Shirt oder seine Jeans aus Baumwolle anders an, wenn man weiß, dass Baumwolle nur auf 2,5 % der weltweiten landwirtschaftlichen Nutzfläche angebaut werden, dort aber 16 25 % der weltweit verbrauchten Insektizide und fast 25 10 % der weltweit verbrauchten Pestizide zum Einsatz kommen. Nachdenklich macht auch, wenn man hört, dass in manchen Regionen Frauen nicht in den Baumwollfeldern arbeiten, weil die Chemikalien auf ihrer Haut und in ihren Kleidern beim Zubereiten der Mahlzeiten immer wieder in das Essen gelangen und in den Familien zu Vergiftungen führen“,

schrieb der Blog Faircustomer.ch. Nach dieser einfachen Milchmädchenrechnung braucht man wohl nicht näher zu erklären, warum Biobaumwolle wichtig ist und die Herrschaften diverser Ketten sich zu recht den Birkenstockschlapfen als Heiligenschein übers Haupt hängen.

Allerdings lässt sich H&M meiner Meinung nach in der Kommunikation nichts zu schulden kommen, denn eine Ablehnung von Gentechnik kann man in der Firmenphilosophie nirgendwo finden. “Keine chemischen Dünger oder Spritzmittel” werden zwar genannt, aber von gentechnikfreier Zone ist in den Enviromental Issues unter Focus on Cotton nicht die Rede. Und auch nicht auf der Seite des beauftragten Zertifizierungsinsituts Peterson Control Unit Group.

In den USA gehören gentechnisch veränderte Produkte und Lebensmittel bereits zum Alltag. Nur in good old Europe hängt denen das Pfui!-Schild um. Laut der USDA (United States Department of Agriculture) sind bspw. in den amerikanischen Richtlinien für Bioprodukte Hinweise auf Pestizidmengen, aber das Wort `genetically modified´, also gentechnisch verändert, kommt nicht vor.

Eine Überreaktion empfindlicher Europäer? Die FTD erwähnt strenge Ökostandards erklärt diese aber nicht näher.
Angesichts der oben erwähnten Mengen mit denen Textilkonzerne in Zukunft handeln werden, muss man Wohl oder Übel in den sauren Apfel beißen, denn gentechnisch veränderte Pflanzen sind erwiesenermaßen schädlingsresistenter und benötigen weniger Pestizide. Dass das auch keine Lösung ist, wird sich bald weisen. Aber bis dahin…

6 thoughts on “Organic Cotton: What´s green?

  1. toller artikel, spitze geschrieben (birkenstockschlapfen als heiligenschein… lach mich tot) und recherchiert. beide daumen hoch!

    ich begrüsse, die absicht der großen konzerne kleidung aus bio-materialien zu produzieren. grüne mode hat doch nach wie vor einen alternative ruf find ich. ich denke bspw. immer an weiße stinknormale t-shirts dabei. schade, dass das dieses mal nicht gelungen ist und hoffe, dass h&m unter diesem druck zukünftig auch auf genmanipulierte rohstoffe verzichtet. wie sehr die entscheidungsträger davon jetzt wirklich nicht wussten oder einfach nichts wissen wollten, wäre interessant…

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  3. Gerechnet habe ich an der von Dir zitierten Stelle eigentlich nicht, daher weiss ich nicht so recht, ob ich mir den Kittel des Milchmädchens eigentlich umhängen muss ;-)
    Fakt ist jedoch, dass der Baumwollanbau weltweit eine sehr starke Umweltbelastung ist, was sowohl den Wasserverbrauch als auch den Einsatz von Insektiziden und Pestiziden anbelangt und die Marktpreise u.a. durch die massiven amerikanischen Subventionen an ihre Farmer stark verzerrt sind. Ob der Einsatz der gentechnisch veränderten Pflanzen von Monsanto & Co, die angeblich schädlingsreistenter und widerstandsfähiger sein sollen eine Lösung darstellt, kann man sicher lange diskutieren, angeblich sind aber bereits 54 % des weltweit verwendeten Saatguts gentechnisch verändert.

    So und da kommen wir zur Biobaumwolle, die zumindest aus meiner Sicht die bessere Alternative darstellt, auch wenn es da Probleme gibt, wie u.a. das aktuelle Beispiel aus Indien zeigt. Aber, wirklich etwas verändern wird sich im Baumwollanbau und in der Textilindustrie nur, wenn bio (und fair!) produzierte Stoffe nicht nur von kleinen Labels mit Heiligenschein in einer Nische verwandt werden, sondern wenn die Industrie mitzieht. Das Positive an diesem Fall ist aus meiner Sicht, dass scheinbar die Kontrollmechanismen funktioniert haben! Aufgedeckt wurde die falsche Zertifizierung von einer indischen Regierungsagentur, die den betroffenen Instituten offenbar wirklich auf die Finger schaut. Die (an sich sehr renommierten) Institute sind abgemahnt worden und man wird sie mit Sicherheit in Zukunft noch stärker kontrollieren.
    Überall wo viel Geld im Spiel ist, wo viele Menschen betroffen sind, passieren ungewollte Fehler, gibt es Selbstoptimierer, Kriegsgewinnler und Leute, die die Regeln biegen. Deshalb brauchen wir funktionierende Kontrollen und es würde mich eher misstrauisch machen, wenn die nicht auch immer mal wieder etwas aufdecken würden, was eben nicht in Ornung war….

    Und nun noch ein paar Links: Es gibt weitere Probleme im Biobaumwollanbau, u.a. sind in diesem Jahr die Preise zusammengebrochen, weil die Nachfrage der C&As dieser Welt eben nicht gross genug war http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/gemeinde/BioBaumwolle-im-Schweinezyklus/story/27061305 und angeblich gibt es schon Bauern die zurückkehren zum konventionellen Anbau…
    Die strengen Ökostandards, die von der Financial Times angesprochen sind, schliessen ausdrücklich gentechn. verwendete Baumwolle aus : Das eine abgestrafte Institut ist Ecocert, das nach GOTS zertifiziert (http://www.ecocert.com/-Organic-Textiles-.html), das andere ist das holländische Unternehmen Control Union Certifications, die verschiedene (u.a. EU-) Standards verwenden. http://ow.ly/ZvBA
    Im Übrigen soll das Anstoss erregende Saatgut den Bauern angeblich von NGOs zur Verfügung gestellt worden sein…

  4. Pingback: Video Preview: H&M Garden Collection | Fanfarella

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