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by • 24/01/2012 • Stuff on TVComments (13)46

Die ARD “checkte” H&M. Aber schlecht.

Gestern war es wiedermal soweit. Die ARD spielte ihre höchst erfolgreiche Serie um den “Markencheck” weiter. Darin werden große Ketten wie Lidl geprüft. Diesmal ging es mit H&M weiter. Die Prüfkriterien sind wie jedesmal Preis, Qualität, Trendfaktor und natürlich als altbekannter Hinkfuß für das pseudo-Gewissen der westlichen Welt die Fairness, also die Arbeitsbedingungen der ProduzentInnen.

Gleich zu Anfang an folgt man der bekannten Zielgruppe H&M’s, einer Gruppe Gymnasiastinnen in ihre Jugendzimmer und darf sie bei der Kleiderschrankanalyse beobachten. “Ich habe 60% von H&M”, sagte die eine, die andere kommt mit einem ähnlichen Ergebnis daher. Guter Einstieg liebe ARD, denn so wird klar gemacht in welcher Dimension sich der Markt bewegt, wenn man gleich vor der Couch in Gedanken den eigenen Kleiderschrank analysiert.

H&M ist mit einem gigantischenFilialnetz weltweit vertreten. Bis auf Australien und Afrika hat man schon alles kolonialisiert. Auch das Shoppen bei den Konkurrenten und der Preisvergleich hält H&M die Billig-Stange. Wundersamer Weise  sehen die bei Kik gefundenen Sachen schon fast besser aus… Hätten wir das auch abgehakt, kommt die Qualitätsanalyse im Labor. Kleine Stoffproben und Knöpfe werden eindrucksvoll ins Lösungsbad gelegt. Die Erkenntnis: So schlimm ist es auch nicht. Doch in Amerika dürfe man es mit diesen Werten wieder nicht verkaufen. Sehr interessant, dass sich anscheinend die EU für höhere Giftstoffkonzentrationen entschieden hat.
Dass es das aber dann auch schon wieder gewesen sein soll, ist wohl eine der mangelhaftesten redakteurischen  Leistungen, die wohl mit der Sendezeit begründet werden muss. Kein Test in dem H&M-Teile in die Waschmaschine geworfen und ein paar mal geschleudert werden, höchstens ein paar  “Knötchen” findet die Laborantin. Wie “bio” die “grünen” Kollektionen, die H&M wie eine Monstranz ihrer Gutmenschlichkeit hochhält, wirklich ist, wird auch nicht thematisiert.

Dann besucht das ARD-Team das H&M-Headquarter in Stockholm um den “Trendfaktor” zu testen. Aufnahmen der Stadt werden erst gezeigt mit der Stimme aus dem Off: “Die schwedische Hauptstadt ist nicht gerade bekannt als Modemetropole…” Bitte wie?
Ein paar gehübschte Szenen aus der Design-Werkstätte mit Head of Design Ann-Sofie Johansson sind auch dabei. Der Trendfaktor ist hiermit auch nach der Analyse eines Werbeexperten erfüllt. Was für eine Erkenntnis. Vielleicht könnte man aufzeigen, dass neben COS auch Monki, Weekday und Cheap Monday zur H&M-Gruppe gehören. Das würde mal die Augen öffnen, dass die Ausweichmöglichkeiten auf andere Angebote mittlerweile gering sind.

Dann fährt man natürlich weiter: Bangladesch ist das Ziel der Reise. Die Oase für Textilunternehmen wie H&M, C&A, aber auch etwas preisintensivere, wie man schließlich in den Aufnahmen aus einer Fabrik sieht. Kein Wunder, die Arbeitsrechte in Bangladesch sind ein Witz.
12jährige, die für 35 Euro Monatslohn 12 Stunden pro Tag hinter der Nähmaschine stehen müssen, lassen den H&M-Beauftragten für Nachhaltigkeit eher kalt. Man halte sich eben an die Vorschriften in Bangladesch. Das ist ja kaum zu bezweifeln, doch anstatt hier einzuhaken, politische Zusammenhänge (Wieviel wird in Bangladesh von H&M produziert? Wie groß ist die ausländische Textillobby und welchen Einfluss nimmt sie politisch? etc.) aufzuzeigen, wird die ARD plötzlich hochemotional, zeigt weinende Großmütter in völlig verdreckten “Unterkünften”, die sie offensichtlich als Halb-Leibeigene vom Fabriksbesitzer wieder um 32  Euro (heiße 3 Euro Lohn bleiben also im Monat übrig) wieder zurückmieten müssen. Den Begriff der “debt slavery” oder “debt bondage” hat das ARD-Team also nicht gehört und zeigt auch gar nicht diesen Zusammenhang auf.
Auch nicht, ob der Endkonsument wirklich so viel mehr bezahlen müsste, wenn man das Lohn-Niveau auf ein menschenwürdiges in den Produktionsländern anpassen würde…

Weitere Fakten fehlen vollkommen. Stattdessen werden die deutschen Mädels auf Fotos in den von den minderjährigen Näherinnen produzierten Sachen herumgereicht. Makaberer geht es wohl kaum mehr. Und auf die Frage, ob sie mit ihnen tauschen würden, sagen sie auch noch “Ja”. Oh, Wunder! Dann kommen die europäischen Wohlstandskinder noch einmal zu Wort, meinten sie “wären doch gar nicht reich” und man möchte sie einfach nurmehr schütteln.

Eine besonders “dunkle Seite von H&M”, wie sie Focus Online attestiert,  tut sich nicht auf. Da gab es schon viel bessere Sendungen zu diesem Thema. Meiner Meinung nach, war der “Markencheck” einer der oberflächlichsten und vorhersehbarsten Leistungen an journalistischer Recherche, die ich seit langem gesehen habe.

Schlußendlich gibt es auch nur die Note “zweifelhafte Fairness”, die jensbest auf Twitter am treffendsten kommentiert: “Merke: Internationale Ausbeutung heisst bei ARD ganz lieb “zweifelhafte Fairness” – So wird sich nichts ändern.”

Man sollte sich besser mal selber checken. Und was Wolfgang Joop in dieser Sendung gemacht hat, ist mir schleierhaft.

 

foto/credit: courtesy of H&M

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13 Responses to Die ARD “checkte” H&M. Aber schlecht.

  1. gut formuliert :) ich hoffe, daß einige “unwissende” euren artikel zu lesen bekommen!

  2. Nicole says:

    Neben dem Mangel an Informationen fand ich den Beitrag auch langweilig und mit den Fußgängerbefragungen auch schlecht umgesetzt.

  3. Godfrina says:

    Großartiger Post, spricht mir ziemlich aus der Seele – habe mir das gestern weniger aus Interesse an H&M als an der Sendung selbst angeschaut.
    Die meiste Zeit mit Augenrollen verbracht und beim ersten Auftritt von Joop mal weitergezappt.

    Wenn schon, dann bitte richtig und mit mehr Sendezeit…

  4. Sonderkeks says:

    Die haben wirklich einige Chancen vergeben, aus so einer Doku könnte man viel mehr machen.

    Die Fußgängerbefragung hatte was von Galileo, irgendwie…

  5. Rene says:

    Für die Sendung hat man sich zwar nach Bangladesch begeben, doch schon in den Filialen hätte man sehen können, wie H&M in Bezug auf seine Mitarbeiter drauf ist. Aber egal, du hast wirklich den Kern dieses ‘Schauspiels’ getroffen.

    Hast danach auch ‘Hart aber Fair’ gesehen? Rolf Scheider sitzt am Tisch, komplett ausgestattet von H&M und Deichmann… Da wars dann wirklich vorbei!

  6. admin says:

    @Rene
    Die Sendung danach habe ich nur aus dem Augenwinkel beobachtet. Dass man Rolf Scheider als Aufputz “aus der Modewelt” holt (Qualifikation: “War ja GNTM-Juror und muss es also wissen!” öä.) war klar.

  7. Steffi says:

    Wirklich gelungener Beitrag. Habe die Sendung gestern zwar leider nicht gesehen aber schon einige Artikel darüber gelesen und war wenig überrascht. Die ARD hat mit diesen Format mal wieder was für die Masse gefunden und hat offensichtlich Angst diese mit “harten Fakten” gleich wieder an RTL zu verlieren.

  8. L. says:

    Hab leider nur nen Teil von diesem Witz sehen können… Als ehemalige Mitarbeiterin kann ich nur sagen, dass dieser “unabhängige Bericht” seeehr ähnlich konzipiert war wie die Gehirnwäsche-Marketing-Filme, die man bei den Willkommenstagen etc. gezeigt bekommt, diese sind nur noch ein kleines bißchen wölkchenrosaner…
    Und apropos menschliche Ausbeutung… Hier in Deutschland sind die Arbeitsbedingungen auch nicht so rosig, Filialleitungen die sich Aussagen wie “Halt die Fresse und wenn du einmal den Mund aufmachst, machst du’s dir hier nur noch schwerer” erlauben, Mobbing der höchsten Klasse, 5 Mitarbeiter in einer Filiale die mit Nervenzusammenbrüchen und Burn-Out’s kündigen und 40 Überstunden in sechs Wochen als Vollzeitkraft (!!!) waren nur einige Impressionen meiner sechs Wochen in diesem Unternehmen… Und trotzdem machen weiterhin alle einen auf Happy-Family…
    Das einzig postive hier sind nur die gute Bezahlung und diverse Zusatz- und Sozialleistungen.

  9. beautyjagd says:

    Danke für den Beitrag!! Das Niveau der Sendung scheint ja der Sendung im WDR über Naturkosmetik (lief im Dezember) entsprochen zu haben.

  10. Anja says:

    Ich habe defintiv mehr von diesem Markencheck erwartet. Ich kannte die Serie nicht und stieß zufällig darauf. Es war einfach nur schlecht recherchiert und oberflächlich abgehandelt. Des Weiteren frage ich mich, was ARD mit diesem Check nun erreichen will? Längerfristige Ziele oder Veränderungen wurden gar nicht thematisiert…

  11. fred says:

    Der Modecheck war wirklich nicht gut gemacht, aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass die Produktionsmethoden von Marken wie H&M erschreckend sind. Was noch erschreckender ist, ist die Tatsache, dass sich darüber kein Protest formiert, die Girlies in den Fashionblogs weiterhin H&M, Zara, Forever 21,… promoten und damit die Produktionsweise weiter unterstützen. In 2 Worten: Armselig und Gewissenlos

  12. […] -Zwar schon vorletzte Woche ausgestrahlt, aber das Thema ist noch immer aktuell: schlechte Arbeitsbedingungen in der Modebranche. Die ARD untersuchte H&M beim Markencheck, für Maria ging der Bericht allerdings nicht weit genug. Auf Stylekingdom beschreibt sie, was ihr an der Sendung nicht gefallen hat. […]

  13. […] der schwedische Textilriese handhabt. Letzteres war ja nicht besonders aufschlussreich, wie auch Maria festgestellt hat. Selbst dem deutschen Fernsehsender wird nur ein kleiner Einblick in die Produktionsstätten […]

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