Abgelehnt, überredet, reingekippt, zuhause gefühlt, Trennungsschmerz

Dies soll kein Text über eine bestimmte Serie sein, kein Text über eine deutsche, englische oder eine aus den USA kommende Serie oder etwas über ein bestimmtes Genre. Nein, vielmehr soll es ein Artikel über das Reinkippen in eine über unzählige Episoden und Seasons erzählte Geschichte sein.

Jeden Tag am Nachmittag eine Folge der Lieblingsserie aufdrehen. Die Charaktere auswendig kennen, vorher schon wissen, was wer und wieso sagen wird. Mitleiden und mitfühlen, sich reinsteigern und fast selbst schon als Teil der Serie sehen, die Mitspielenden sind beste Freunde und Familie, das war Serien anschauen in der Jugend, als Teenager. Damals waren auch die Serien ok, die im normalen Nachmittagsprogramm liefen. Erstausstrahlung war da nicht das Wichtigste, Hauptsache man wurde mit immer neuen Folgen versorgt. Waren die dann mal vorbei, ja, dann war es wie wenn einem Freunde weggenommen werden und man vertrautes Umfeld verlassen und die Wohnung, die liebste Bar oder den meist besuchtesten Treffpunkt der Seriendarsteller nie wieder besuchen durfte. Sich von einer anderen Serie überzeugen lassen? Ging nicht. Das dauerte dann immer eine Zeit, bis man neu wo hineinkippen konnte. Fast ein bisschen wie beim Trennungsschmerz. Erst verarbeiten, dann was Neues suchen und vielleicht auch finden. Da dann alles wieder von vorne: Die Geschichte und die Charaktere kennenlernen und sich wieder wie zuhause fühlen. Einziehen, da in den Fernseher, so wie man heute im Internet wohnt.

Genau da kommen nämlich heute die Serien raus. In Originalsprache, nach der Erstausstrahlung. Mit Hashtag und Freunden, denen die man wirklich kennt. Nicht die Seriendarsteller werden nun zu den besten Freunden, die besten Freunde, die den gleichen Hashtag zur Serie benutzen, bleiben die besten Freunde. Und spoilern dann auch mal, was man ihnen unter Androhung von Spam/Block verbieten kann. Hab ich gehört. Der Druck beim Serien schauen ist größer geworden, was unglaublich toll ist, vor allem für die Leute, wie mich, die sich gerne irgendwo reinsteigern. Erstausstrahulung, Originalsprache, gerne genuschelt und in irgendwelchen Dialekten aus dem Mittelalter die kein Mensch versteht: Kommt mir super gelegen, wie gesagt, wichtig ist nur, dass es was zum Reinsteigern gibt. Und, dass man Serienhelden hat. Coole Darsteller, die Persönlichkeit haben, am besten samt Frauenrollen, die nicht mit irgendwelchen ermüdenden Klischees spielen.

Aber auch heute lass ich mich nicht allzu schnell überzeugen etwas anzuschauen. Ich meine, Lebenszeit will gut investiert sein. Fünf Staffeln mit jeweils mehr als zehn Episoden lassen sich beispielsweise nicht so nebenbei anschauen. Aber sie lassen sich in Schockstarre am Sofa an einem Wochenende ansehen. Mit nicht bewegen und alles auswendig lernen. Das Beste daran, wenn man wieder mal zu lange überlegt hat und erst dann anfängt, wenn schon alle anderen alles kennen? Man kann sich alle Folgen zum ersten Mal anschauen! Das können die anderen dann ja nicht mehr. Ja, sorry. Tut mir auch Leid. Kann halt nicht jeder immer alles so lange überlegen.

Wie auch immer. Wer da am Sofa festgewachsen ist, wird sich auch darüber freuen, wenn jemand da ist, der die Chips, das Bier und den Episodennachschub vorbeibringt. Das ist nämlich großartig und diese Zuneigung geht direkt durch das Serienzentrum. Durch das, was direkt neben dem Sprachzentrum im Gehirn liegt. Ist was Neues, hat die Internetgeneration schon fix mit dabei.

Und dann noch viel besser: Wenn dann doch noch ganz ganz ganz neue Folgen kommen und man unter schamloser Hashtagausnutzung mit anderen Fans twittern kann. Andere Fans sind dann meist wie durch Zufall, ja, ja, Internetmenschen schauen eh alle das Gleiche, all die anderen, die sowieso in der Timeline deines Vertrauens herumhängen.

Deshalb kann ich nur sagen: Serien, man muss sie mögen, man muss sie in den Arm nehmen, man darf sie nicht spoilern oder während sie laufen, die Fernbedienung in die Hand nehmen. Außer zum Lauter drehen, wenn wieder mal jemand nuschelt. Das ist ok. Serien sind dein Freund, sie sind nett und begleiten dich, wenn es draußen regnet, jemand nicht nett zu dir ist oder du gerade Stress hast. Wenn du sie irgendwo in der Cloud deines Vertrauens parkst, hast du sie außerdem wie dein liebstes Kuscheltier immer mit dabei.

Und wenn dann wieder einmal irgendein endgültiges Staffelfinale ohne Aussicht auf neue Folgen kommt, dann hast du da deine Internetfreunde mit denen du weinen kannst und, die dich trösten und dir auch gleich was Neues empfehlen werden. Probier es aus, es wird dein Leben verändern. Hab ich gehört.

Nach ein paar Jahren, wenn dann doch mal wieder eine Wiederholung im Fernsehen läuft, ist das dann wie eine längst vergangene Freundschaft neu zu beleben. Kann man mal machen. Kann schön, weil vertraut und selbstverständlich, sein. Muss es aber nicht und dann darf man einfach die Fernbedienung in die Hand nehmen und sich etwas Neues suchen.

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