Designer-Kooperationen, Produktdesign, Nachhaltigkeit: Drei inflationär benutzte Begriffe, mit denen alle etwas zu tun haben wollen. Oder doch nicht? Im Interview erklärt Michael Michalsky was er will.
Für alle Berlin Fashion Week Besucher ist Michael Michalsky – dank der Stylenite – längst ein Begriff, diese wurde im Jänner auch auf Arte ausgestrahlt. Er selbst ist ein „großer Fan der Demokratisierung der Mode”, Livestreams der Modeschauen sowie Modeblogs sind da willkommen. „Ich definiere mich anders als viele meiner Kollegen und Kolleginnen. Ein bisschen gegen das Elitäre in der Mode”, so Michalsky. Auf die Suche nach dem Michalsky Lifestyle wird er sich in den nächsten Jahren begeben, um diesen auch seinen Kunden vermitteln zu können. Letzte Woche war er für die „Rondo”-Podiumsdiskussion – im Museums Quartier – zum Thema „Braucht Mode einen Ort?” zwei Tage lang in Wien. Dann ging es auch gleich wieder zurück nach Berlin, die Stylenite am 6. Juli möchte seine Aufmerksamkeit. Wir haben uns mit ihm vor der – im Rahmen des Summer of Fashion – stattfindenden Gesprächsrunde unterhalten.
Anlässlich der Diskussionsrunde zum Thema „Braucht Mode einen Ort?” zu Beginn die Frage, wo findet Mode statt?
Michael Michalsky: Meiner Meinung nach findet Mode auf der Straße statt. Die größte Inspiration habe ich immer auf der Straße. In Clubs oder auf Plätzen wo Jugendkultur passiert. Ich bin sehr inspiriert von Musik, ich höre den ganzen Tag Musik. Ich denke, wenn man sich als Designer nicht für Musik interessiert, dann versteht man auch nicht wo gewisse Trends herkommen. Da bin ich natürlich auch geprägt, weil ich ein Kind der 1980er Jahre bin, der MTV Generation, wo Musik eine Visualität und auch die Connection zur Mode bekommen hat. Das hat mich sehr stark geprägt.
Ich denke, wenn man sich als Designer nicht für Musik interessiert, dann versteht man auch nicht wo gewisse Trends herkommen.
Deshalb liebe ich auch Berlin so, für mich in Europa die interessanteste Stadt. Eben weil sehr viel im Jugendkulturbereich, mit Musikkultur und der Subkultur passiert. Deshalb fahren ja auch jedes Wochenende Jugendliche aus ganz Europa nach Berlin.
Sie arbeiteten bereits mit vielen Marken zusammen. Sind Designer-Kooperation ein Trend und wem bringen sie etwas?
Grundsätzlich glaube ich schon, dass das ein Makrotrend ist, der sehr vom Marketing beeinflusst ist. Für mich ist das nichts Neues. Ich habe das schon bei meinem alten Arbeitgeber gemacht. Als ich bei Adidas gearbeitet habe etwa mit Stella McCartney und Missy Elliot. Ich war da immer ein großer Fan davon. Das bringt aber natürlich nur etwas, wenn die beiden Marken, die kooperieren, eine gemeinsame Base haben und wenn es eine Win-Win Situation ist. Wenn man sieht, dass beide eigentlich gar nicht zusammen passen, dann funktioniert es auch nicht.
Heute gibt es viele Kooperationen, bei denen Leute das nur nachmachen, weil sie es wo anders gesehen haben, das merkt man dann auch. Es gibt also leider ein bisschen zu viele davon, sie sind zu inflationär geworden, weil es für viele Modemarken so als Schlüssel zum Erfolg gesehen wird. Die Kooperationen, die ich mir aussuche, sind ja nur ein kleines Spektrum von denen, mit denen ich etwas machen könnte. Ich nehme wirklich nur die, bei denen ich einen Bezug zu der Marke habe.
Ich kann mir vorstellen, dass Endverbraucher in der Zukunft mehr gelangweilt von Kooperationen sein werden.
Ich denke das wird es noch lange geben. Aber ich kann mir vorstellen, dass Endverbraucher in der Zukunft mehr gelangweilt von Kooperationen sein werden. Ich mache das ja auf unterschiedlichen Levels. Meine Firma ist strukturiert, da gibt es Michalsky – meine eigene Marke – wo es Men und Women gibt. Dann habe ich eine Design Consultancy, die heißt Michalsky-Designlab. Da können große Firmen und auch Firmen, die vielleicht gar nicht aus dem Modebereich kommen, mich um Input und Ratschlag fragen. Das kann alles mögliche sein, wo ich dann Präsentationen mache, wo vielleicht überhaupt keine Produkte rauskommen die mit Michalsky zu tun haben, oder wo ich speziell für sie designe. Wo die Leute das anschließend auch wissen, wo es aber keine Verbindung zu meiner eigentlichen Modemarke gibt. Oder man entwirft Co-Branded Produkte, das gibt es auch, bei denen beide Marken draufstehen.
Sie setzen sich mit Interieur- und Produktdesign auseinander. Liegt es nahe sich als Modeschöpfer auch mit der Gestaltung andere Objekte zu beschäftigen?
Ja. Ich glaube grundsätzlich, dass heute viele Sachen Mode sind. Mode ist ja nicht mehr nur das was wir anziehen, damit geht es natürlich los. Aber Mode ist auch wie wir riechen, wo wir Urlaub machen, in welches Spa wir gehen, wie wir uns einrichten, was für ein Auto oder Handy wir haben, welchen Laptop wir nutzen. Diese Produkte haben vielleicht einen anderen Lebenszyklus, Mode ist ja sehr schnelllebig – also „Mode” die mit Kleidung, Schuhen, Accessoires zu tun hat ist sehr schnelllebig – bei Interieurs, Autos und Gadgets ist der Lifecircle ein bisschen länger.
Mein Ziel ist es sowieso einen kompletten Michalsky Lifestyle zu erschaffen. Ich sehe mich als Designer der Kleidung schafft, die eine Bedeutung hat, Mantra meines Unternehmens ist so auch „Real Clothes for Real People”. Für mich sind Interieurs eine Passion und Leidenschaft. Ich habe meine Läden alle selbst gemacht, ebenso die Catwalk Bar in Berlin. Für mich ist das logisch, dass man auch den Lebensraum, das Umfeld kreativ gestaltet.
Ich sehe mich nicht als Künstler – da gibt es ja manche Modedesigner die sich als Künstler sehen – ich sehe mich als Designer, der Mode kreiert die auch einen Gebrauch hat.
Nachhaltigkeit, ein Thema das in der Branche derzeit überall zu hören ist. Was ist dabei ehrlich, was ein Marketing-Schmäh?
Das habe ich schon gemacht bevor es populär geworden ist. Grundsätzlich ist es so, dass heutzutage Bio-Baumwolle nicht mehr einfach nur Nachhaltigkeit ist, weil auf einmal gibt es das ja in jedem Preislevel und an jeder Ecke.
Für mich ist Nachhaltigkeit auch wie unser Kaufverhalten ist, in Quantitäten. Wir sind ja in der Zwischenzeit alle sehr geprägt von „Fast Food”-Fashion, in dem Sinne, dass es viele Marken gibt die vier Kollektionen oder gar zwölf machen. Oder auch, dass High Fashion nicht mehr teuer ist, was ich ja eigentlich gut finde, weil Mode früher sehr elitär war. Ich finde auch toll, dass Leute sich durch Mode darstellen und ausdrücken können. Für mich ist Nachhaltigkeit zum Beispiel, dass man sich eine hochwertigeres Jackett kauft – welches aus einem Unternehmen kommt, das sich in unserem direkten Umfeld befindet – das aber dann so cool ist, dass ich das zwei, drei, vier Jahre anziehen kann. Anstatt bei Ketten immer wieder etwas zu kaufen, das ich zwei Mal anhabe und es dann wegwerfe. Ich zum Beispiel produziere sehr viel in Deutschland. Für mich ist Nachhaltigkeit eher eine Attitüde, die man ganz ausgewogen und gesund für sich selbst gestalten kann.
Ich denke aber, dass es bedenklich ist, wenn ich irgendwo Sachen sehe, die deklariert sind als Bio-, Öko- „was auch immer”-Baumwolle und 4.99 Euro kosten, wo ich mich bereits frage wie man das in Nicht-Bio-Baumwolle anbieten kann, da ich ja selbst weiß wie viel es kostet ein Kleidungsstück zu machen.
Am 6. Juli findet während der Mercedes-Benz Fashion Week Berlin erneut die Stylenite statt. Die Männer- und Frauenkollektion wird in einer jeweils eigenen Show gezeigt, „Personal Sunshine” wird das Motto sein. Wie würden sie die Kollektionen genauer beschreiben?
Bei mir haben die Kollektionen ja immer ein Thema, „Personal Sunshine” diesmal. Indirekt bezieht sich das auf eine Kollektion die ich vor vier Saisonen gemacht habe, die hieß „Nomads”. Da ging es darum, dass Leute heute sehr mobil sein müssen, in einer Großstadt leben und in Jobs arbeiten, die es so vielleicht noch gar nicht vor zehn, zwanzig Jahren gab. Immer vernetzt sind, flexibel sein müssen.
„Personal Sunshine” beschäftigt sich jetzt mit den inneren Werten dieser Menschen. „Nomads” war eher so das Äußere, weil ich festgestellt habe, dass viele meiner Freunde inklusive mir selbst 500 und mehr Freunde auf Facebook haben, aber viele sich jetzt wieder darauf besinnen, was wirklich wichtig ist. Eben die vier echten Freunde und Familienverbünde oder Ersatzfamilien.
Sich refokussieren auf das Individuum, darum geht es.
Männer und Frauen habe ich getrennt weil sich die Männer Kollektion bei mir sehr erfolgreich entwickelt, aber die Creative Direction ein bisschen anders ist als die bei den Frauen. Und das war zum Schluss schon ziemlich schwierig, es immer zusammen zu stylen. Ein Mann ist bei mir etwas sportiver, eher lässig, so wie ich mich eben auch selbst anziehe. Und Frauen sind bei mir cosmopolitan, modern, aber auch sexy. Außerdem wollte ich Männern auch eine eigene Plattform geben, da ich die Kollektion größer mache und ihr eine andere Wertigkeit gebe. Deshalb habe ich mich bei der Stylenite dazu entschieden zwei seperate Shows zu machen, damit man das auch noch deutlicher sieht.
Und andere Labels werden ebenso dabei sein?
Nein, diesmal nicht. Die Stylenite hat ja kein vorgefertigtes Format, sondern ich lade ja mal Designer ein, die ich persönlich sehr gut finde, denen ich eine Plattform bieten möchte. Oder es ist eine Filmpremiere, immer spielt aber Musik eine wichtige Rolle. Wo ich aufzeige was mich inspiriert, was interessant ist. Ich versuche Mode im Kontext von Musik zu setzen. Lady Gaga etwa hatte ihren ersten Auftritt bei einer meiner Show, dann hatten „Hurts” ihren allerersten Auftritt bei mir. So versuche ich eben Mode auch anders darzustellen.
Welche Stoffe werden für die aktuellen Kollektionen verwendet?
Sehr zarte, sehr elegante, hochwertige, sehr moderne. Es wird wieder Prints geben, also selbstgemachte Prints, einen Fotoprint mit Lukas Freireiss, mit dem ich jetzt auch in der Spring-/Sommerkollektion das Toleranzthema aufgegriffen habe. Dann wird es einen selbst kreierten Blumendruck geben. Von den Farben, und das habe ich noch nie gemacht, wird es sehr pastellig. Bei Männern gibt es viele gebondete Stoffe oder solche, die eine andersfarbige Rückseite haben.
Wie soll es in Zukunft weitergehen?
Ich möchte, und deshalb bin ich etwa auch hier in Wien, noch bekannter in Österreich werden. Grundsätzlich im Ausland. Ich möchte noch viel mehr ein internationales Label werden, ich möchte, dass sich die Männer- und Frauenkollektion gut entwickelt. Mehr Shops in Shops oder eigene Läden, die ich vielleicht nicht selbst betreibe, aber die andere Leute für mich betreiben. Ich möchte, dass meine Michalsky Living Kollektion gut und erfolgreich wird, das geht jetzt los im Oktober mit Sofas und wird noch weiter ausgeweitet.
Ich möchte, und deshalb bin ich etwa auch hier in Wien, noch bekannter in Österreich werden.
Ich könnte mir auch noch andere Produktbereiche vorstellen, eine Zweitlinie, etwas für Kids… Ich denke ich bin noch ganz am Anfang, von dem was ich mir vorstelle. Ich möchte, dass das mal ein Lifestyle wird. Eines Tages, in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren will ich so eine Art Kaufhaus haben, wo es alle meine Marken und alle meine Labels gibt, wo mein Stil dargestellt wird.